Die heutige Pädiatrie- Vorlesung begann doch sage und schreibe 45 Minuten zu spät. Der Klinikchef hatte uns vergessen und als er dann endlich kam, hing die Technik mal wieder. Also versuchte der PC-Mensch, die Präsentation zum Laufen zu bringen und der Redner fummelte nervös an seinem Mikro rum. Nach 40 Minuten waren wir kurz davor zu gehen- als die Leinwand plötzlich hell wurde und die Präsentation “Pädiatrische Onkologie” erschien. Allgemeine Erleichterung. Nur nicht beim Klinikchef- der wollte die nämlich von seinem Laptop aus starten, weil sonst seine Fernbedienung nicht funktioniert- also musste der PC-Mensch schon wieder ran- zu unserem Entsetzen (der macht nämlich mehr kaputt als heile)- zwischenzeitlich standen dann noch eine Sekretärin und eine Krankenschwester mit am Rechner ( da beklage sich noch einer über Personalknappheit). Als alles Hoffnung auf eine Vorlesung schon gegen Null gesunken war, kam eine Patientenmutti mit ihrer kleinen Tochter in den Hörsaal. Beide mit Mundschutz, die Kleine im Babygurt vor den Bauch geschnallt. Die Mutti kam mir gleich bekannt vor, das Mädchen weniger. Der Klinikchef hatte sich dann auch mit seinem Mikro arrangiert und ließ den PC-Menschen weiter vor sich hin werkeln. Er begann mit der Begrüßung der Mutti und Klara- da wurde es mir klar: das war die kleine Klara, die in meiner Famulatur auf der Neo- Intensiv auf der Päd- Intensiv lag und um die es garnicht gut stand. Ich war baff- damals war die Kleine dem Tod näher als dem Leben und jetzt saß sie bei ihrer Mutti auf dem Schoß und war fasziniert von einem dunkelhäutigen Kommilitonen in der ersten Reihe. Ich hab mich so gefreut, das könnt ihr euch nicht vorstellen!
Aber von Anfang an:
Klara ist inzwischen ungefähr eineinhalb Jahre alt. Sie und ihre Familie machten vor einem halben Jahr Urlaub hier, als ihre Mutti einen harten Knubbel in ihrem Bauch tastete. Also brachte sie Klara in die Klinik. Dort stellte sich relativ schnell heraus, dass Klara ein Neuroblastom, also einen riesigen Tumor im Bauch hatte. Außerdem ergaben weitere Untersuchungen, dass sie auf Grund kleinerer genetischer Fehler ein Hochrisiko-Patient für diese Art Tumor war und die Behandlung daher besonders intensiv sein musste. Ich sah sie zum ersten Mal als sie ein knappes Jahr alt war- allerdings wog sie damals bestimmt mindestens das doppelte- was zum Einen natürlich an dem Tumor, zum Anderen aber auch an den enormen Wassereinlagerungen lag, denn ihre Nieren konnten nicht mehr richtig arbeiten da der Tumor auf die Harnleiter drückte. In vielen Operationen wurde Klara der Bauch geöffnet, damit der Druck auf die Gefäße und Organe nicht mehr so groß war – und da man die Haut nicht einfach wieder zusammen nähen konnte, weil durch den Tumor ein enormer Druck entstanden war, nähte man eine Art Plastikfolie auf den offenen Bauch. Mit der Zeit wurde der Tumor dank Bestrahlung kleiner, man konnte ihn in kleinen Stücken entfernen und die Folie verkleinern und schließlich den Bauch wieder verschließen. Ich verließ die Neo-Intensiv allerdings noch, als sie voll beatmet mit offenem Bauch und vor ihrer ersten Bestrahlung in ihrem Bettchen lag. Es sah wirklich nicht gut aus- und deshalb freu ich mich so sehr, dass der Tumor jetzt restlos entfernt ist und es Klara einigermaßen gut geht- sie hat jetzt noch eine Knochenmarkstransplantation vor sich und dann kann sie mit ihrer Mama nach einem Jahr Krankenhaus wieder nach Hause zu ihrer Familie.